Wie viel Digitalisierung braucht die Logistik?

Kopfporträt einer jungen Frau mit halblangen braunen Haaren.


Linda Wings, Mitarbeiterin am Fraunhofer IML im Team warehouse logistics und Leiterin der RPS-Studie Softwaregestützte Planung personeller Ressourcen im Lager.

Personalplanung ist wichtig für Unternehmen. Das gilt auch für die Logistik. Dort kommen in der Regel Waren und Güter an, werden eingelagert, kommissioniert und für den weiteren Versand vorbereitet. Damit das möglich ist und genügend Logistikmitarbeiter:innen dort im Einsatz sind, wo sie gebraucht werden, setzen die Logistikzentren Planungssysteme und andere Hilfsmittel ein.

Unter der Leitung von Linda Wings haben nun Forscherinnen und Forscher vom Fraunhofer IML und der Fraunhofer Austria Research GmbH den aktuellen und geplanten Einsatz von so genannten Ressourcenplanungssystemen (RPS) untersucht. Wie viel Digitalisierung gibt es hier bereits? – Welche Systeme werden wie und warum eingesetzt und wohin geht der Trend in der Logistik? – Diesen Fragen geht nicht nur die Studie nach, wir haben sie auch an Linda Wings und Amazon Regionaldirektor Norbert Brandau gestellt. Norbert Brandau ist seit mehr als 19 Jahren bei Amazon und kennt unsere Logistik von der Pike auf. Heute ist er als Regionaldirektor für eine Reihe von Amazon Logistikzentren in Deutschland verantwortlich.

Standortleiter Norbert Brandau arbeitet seit 2002 bei Amazon.


Norbert Brandau ist als Amazon Regionaldirektor verantwortlich für eine Reihe von Logistkzentren in Deutschland (das Foto wurde vor der Pandemie aufgenommen).

Wie digital ist die Logistik heute bereits, wenn es um anforderungs- und bedarfsgerechte Personalplanung und -steuerung geht?

Linda Wings: Die Studienergebnisse zeigen, dass die digitale Ressourcenplanung in der Logistik etabliert ist. Das schließt alle Sparten ein, beispielsweise den Einzel-, Groß- und Versandhandel oder die Produktion. Auffällig ist aber die hohe Diversität an eingesetzten Softwaresystemen und Werkzeugen. Vereinfacht gesagt, man findet alles: Selbstentwickelte Software, komplexe integrierte Systeme und Excel-Anwendungen. Mehr als die Hälfte, insgesamt 56 Prozent der befragten Lagerbetreiber, sehen noch Verbesserungsbedarf bei den von ihnen eingesetzten Anwendungen. 37 Prozent der Lagerstandorte planen in den nächsten vier Jahren die Einführung eines RPS, also den Schritt in die Digitalisierung bei der Personalplanung und -steuerung.

Sind Anwender von einfacheren, selbstentwickelten Lösungen weniger zufrieden mit ihrer Ressourcenplanung?

Linda Wings: Ja, wir sehen durchaus einen Zusammenhang in der Studie: Lagerstandorte mit einer geringeren Zufriedenheit setzen häufig Excel-Tabellen entweder als einziges Werkzeug oder in Kombination mit anderen Systemen ein. Die Anwender kritisieren vor allem den hohen manuellen Aufwand, höhere Fehleranfälligkeiten und eine fehlende Standardisierung der Prozesse. Je größer die Logistikzentren sind und je mehr Beschäftigte es dort gibt, desto komplexer werden die Planungsprozesse. Dazu kommen beispielsweise saisonbedingte Auftragsschwankungen wie im Versandhandel, die eine flexible Personalplanung und -steuerung erfordern. Digitale Systeme wie RPS können solche Schwankungen abbilden, also vorausschauend Personalbedarfe und -kapazitäten organisieren und datenbasiert auf Engpässe reagieren.

Norbert Brandau: Ich kann das nur bestätigen. Früher sind wir durch die Lagergänge gegangen und haben mit Zettel und Bleistift kommissioniert, für die Planungen gab’s nur Excel. Das war sehr ungenau und fehleranfällig. Heute haben wir digitale Systeme, die dazulernen. Wir wissen aus Vergangenheitsdaten ziemlich genau, wann welche Ereignisse eintreffen und können auf dieser Basis einen genaueren Forecast erstellen. Unser Ausgangspunkt sind immer die Amazon Kundinnen und Kunden und ihre Wünsche. Wir wissen, wann Aktionstage wie der Prime Day bei uns stattfinden, dass beispielsweise sonntags, am Monatsende, bei Regen oder in der Weihnachtszeit mehr bestellt wird. Mit den Daten aus der Vergangenheit können wir unsere Planungen verfeinern – nicht nur für die Personalplanung und -steuerung, sondern für sämtliche Prozesse. Wir planen generell auf Wochen im Voraus, was wir wann an Waren und Bestellungen bekommen und stellen uns darauf ein.

Die Studie zeigt, dass der Trend in der Logistik zur digitalen Personalplanung und -steuerung geht und dass viele Lagerstandorte die Einführung eines RPS planen. Bedeutet das auch, dass der Einsatz von digitalen Arbeitshilfsmitteln zunimmt? – Werden die Beschäftigten in der Logistikbranche dadurch gläsern, wenn Arbeitsprozesse digital erfasst werden?

Linda Wings: Auch wenn digitale Arbeitsgeräte für Beschäftige nicht Bestandteil der Studie waren: Grundsätzlich kann man feststellen, dass der Einsatz von digitalen Hilfsmitteln wie Scanner in der Logistik unabhängig vom Einsatz eines RPS sehr gängig ist, manchmal sind es auch ganz einfache Smartphones. Für eine gute Planung sind gute Daten unerlässlich, sie kommt auch der Belegschaft zu Gute. In der Logistik ist nach wie vor der Mensch selbst und seine Arbeit der Dreh- und Angelpunkt und damit wichtig für erfolgreiche Prozesse. Seinen Einsatz effizient und anforderungsgerecht zu planen, ist der langfristige Schlüssel zum Erfolg von Unternehmen und wird durch digitale Ressourcenplanungssysteme unterstützt. Durch sie profitieren Mitarbeitende von mehr Planungssicherheit bei den Schichtplänen und einer Prävention von Über- oder Unterforderung.

Norbert Brandau: Für digitale und andere Systeme gelten natürlich bei der Verarbeitung von Daten von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die Vorschriften und Gesetze zur Datenspeicherung in Deutschland und der EU, an die sich jedes Unternehmen zu halten hat. Bei Amazon haben wir intern mit der Einführung digitaler Systeme sehr gute Erfahrungen gemacht. Wir arbeiten hier sehr eng mit den lokalen Betriebsräten zusammen und stimmen die Schritte mit ihnen ab.

Die Digitalisierung bringt viele Vorteile. Davon profitieren nicht nur die Unternehmen selbst, sondern auch die Kundinnen und Kunden und ganz stark Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Versand. Unsere Kolleginnen und Kollegen in den Logistikzentren können sich beispielsweise auf langfristige Schichtpläne verlassen. Sie erfahren frühzeitig, wo und wann sie eingeteilt sind. Ohne die Digitalisierung wären auch die Jobrotationen in unserer Logistik nicht möglich, die aus ergonomischen Gesichtspunkten wichtig und richtig für Arbeitsplätze in der Logistik sind. Es gibt viele wissenschaftliche Belege, dass ein Wechsel von Aufgaben und Tätigkeiten positive Effekte für die Gesundheit und das Wohlfühlen am Arbeitsplatz mit sich bringt. Und ganz grundsätzlich ist die Digitalisierung auch der Schlüssel für eine angenehmere und leichtere Arbeit. In unseren Logistikzentren mit Robotics bringen beispielsweise Transportroboter die Artikel zu den unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, viele Laufwege entfallen.

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