Krise beschleunigt Digitalisierung und Omnichannel-Integration

Der chinesische Logistikmarkt erholt sich rasant von der Pandemie. Die Krise führt zu einer Beschleunigung der Digitalisierung in der Logistikbranche, Omnichannel-Integration und zu einer Zunahme von Fusionen.

Redaktion: Dirk Ruppik.

Der chinesische Logistikmarkt hat sich nach dem massiven Einbruch durch die Lockdowns in 2020 mit großer Geschwindigkeit wieder erholt. Neben beschleunigten Logistikprozessen hat die Pandemie zudem zu einer komplexeren Logistik und zu einer zunehmenden Digitalisierung und Automatisierung von Logistikprozessen besonders im E-Commerce geführt.

Konsolidierung bei 3PL- und Express-Dienstleistern.
Die ungeheuer schnelle Erholung der Nachfrage führt laut McKinsey (1) auch zur Umstrukturierung des 3PL-Dienstleistungs-Bereichs. Einerseits sind mehr Fusionen und Übernahmen zu verzeichnen, anderseits fokussieren die Unternehmen zunehmend auf Digitalisierung und Omnichannel-Integration. Ein Beispiel ist die Gründung der China Logistics Group im Februar 2022 aus der Fusion von fünf Staatsunternehmen – darunter die ehemalige China Railway Materials Group.

Als strategische Investoren sind zudem die China Eastern Airlines, die China COSCO Shipping Group und die China Merchants Group beteiligt. Der neue Logistikriese soll internationale Handelsverbindungen und Frachtdienstleistungen entwickeln und so die globalen Lieferketten (re-)organisieren. Andere Beispiele sind der Kauf eines Anteils von 15 Prozent in Air China Cargo durch Alibabas Logistikunternehmen Cainiao und die Akquisition eines Mehrheitsanteils von 51,8 Prozent in Kerry Logistics durch SF Holding. Auf dem Expressmarkt hat die enorme Zunahme an Paketen (rund 30 Prozent) zu einem extremen Preiskampf geführt, der zu einer Senkung der Preise zwischen zwölf und 27 Prozent und zu schrumpfenden Profiten führte. Auch hier wird eine weitere Konsolidierung der Unternehmen erwartet. Kleinere Expressdienstleister werden zunehmend von den größeren gefressen.

Luftfracht wird für E-Commerce bedeutender.
In bestimmten E-Commerce-Branchen wie der Modebranche verändert sich die Lieferstrategie. Früher wurden die Güter massenhaft auf Containerschiffen versendet, allerdings wird jetzt der Luftweg aufgrund von kundenindividueller Massenproduktion wichtiger. Z. B. sendet das chinesische Modeunternehmen Shein seine Ware in Großmengen via Lufttransport in den Zielmarkt (Direkt Line Modell) und versendet sie dann lokal über Postunternehmen. Viele E-Commerce-Giganten und deren Logistiker wie JD Logistics, Cainiao, SF Express und YTO Express bauen aufgrund des Direkt Line Modells zunehmend ihre Luftfrachtflotte aus.

Omnichannel-Integration und Lagerhaus-Automatisierung stehen im Fokus.
Beim Omnichannel-Vertrieb werden alle Verkaufskanäle konsistent miteinander verschmolzen und ein leichter Wechsel der Kanäle ist möglich. D. h. der Kunde kann online bestellen und die Ware z. B. im Ladengeschäft abholen (Click & Collect). Auf allen Kanälen sind die erhobenen Kundeninformationen gleichermaßen vorhanden. Dies können beispielsweise Daten über vorhergehende Käufe, verlassene Warenkörbe, Kundendienst-Anfragen, Verweildauer auf Produktseiten im Web, etc. sein. Alle Kanäle werden miteinander mit dem Ziel verschmolzen, Verkäufe zu generieren. Der Kunde steht dabei im Mittelpunkt und die sog. Customer Experience soll sukzessiv optimiert werden. Es ensteht ein durchgehendes kanalübergreifendes Markterlebnis. Die Omnichannel-Strategie stellt allerdings u. a. große Anforderungen an die Intralogistik und Logistik.

Neben einer Vielzahl an Produkten in geringer Losgröße ist auch die im E-Commerce übliche hohe Retourenquote zu bewältigen. Eine große Mehrheit der Konsumenten in China bestellt On- und Offline. Daher steht auch im Land der Mitte die Omnichannel-Integration im Fokus. In der Intralogistik bedeutet das in erster Linie die Zusammenführung von Off- und Online-Bestellungen im Lager. Aufgrund steigender Arbeitskostenund Landpreise auch in China sowie der enormen Geschwindigkeit mit der Bestellungen heutzutage bearbeitet und ausgeliefert werden müssen, muss die gesamte Supply Chain digitalisiert werden. Die Digitalisierung ermöglicht zusammen mit Industrie 4.0, Künstlicher Intelligenz und Automatisierung eine Optimierung der Lieferketten.

Die chinesische Online-Handelsplattform JD.com (2) hat in den letzten Jahren massiv auf hochautomatisierte Lagerhäuser gesetzt, um die Logistik zu beschleunigen. Zudem baut das Unternehmen auch seinen eigenen Omnichannel-Service für Millionen von konventionellen Händler aus, über die JD auch seine Waren vertreibt. Das eigene Omnichannel Fulfillment wählt den Einzelhändler in Echtzeit, der die Waren der Kundenbestellung vorhält und am nächsten zum Kunden liegt. Ein Kurier bringt die Ware dann auf optimierten Routen zum Besteller. Laut der Leiterin der Finanzabteilung von JD.com Sandy Xu sind Kosteneffizienz und positive Kundenerfahrung entscheidende Faktoren beim Langzeiterfolg im Einzelhandel. Diese werden besonders von einer leistungsfähigen Logistik beeinflusst.

Die Lagerhausfläche des Handelsriesen hat sich in den letzten fünf Jahren (2016-2021) verfünffacht und er betreibt nun 1200 Lagerhäuser im gesamten Land. Das Unternehmen bezeichnet sich seit kurzem als führenden Supply Chain-basierten Technologie- und Serviceanbieter und will diese Position zusammen mit Lieferanten und Partnern ausbauen. JD.com hat zudem damit begonnen seine Technologie zu exportieren und eröffnete im April 2021 zwei hochautomatisierte Lagerhäuser in Polen an der Grenze zu Deutschland und in Frankfurt (3). Durch sie kann ganz Europa extrem schnell beliefert werden. Zudem sollen sie als Vorbilder für andere State of the Art-Lagerhäuser in Europa dienen. Das Kernstück des Lagerhauses besteht aus einem Fahrerlosen Transportsystem, das den Kommissionierprozess revolutioniert und zweieinhalb Mal effizienter ist als übliche Pick-Systeme.

Auch in anderen Bereichen wird kräftig digitalisiert.
Die Pandemie hat auch dazu geführt, dass digitale Frachtplattformen wie Cargowise von manchen Firmen im Land der Mitte implementiert wurden (4). Der chinesische Spediteur Sanco International nutzt die cloud-basierte Plattform zur Prozessintegration und Steigerung der Daten- bzw. Informationstransparenz im Frachtbereich. Darüber hinaus ermöglicht sie eine bessere globale Kommunikation in Echtzeit und führt besonders in Krisenzeiten zur Aufrechterhaltung eines hohen Standards bei den Logistikdienstleistungen des Unternehmens. Während der Pandemie konnte dadurch die Panik und Unsicherheit im Zaum gehalten werden. Laut der Geschäftsführerin Daphne Ma hat die Einführung der Plattform zu mehr Effizienz, Steigerung des Geschäftsvolumens und Profits sowie zu einer Begrenzung der Arbeitskosten geführt.

Regionale Zusammenarbeit wird immer wichtiger.
Im ersten Quartal 2020 wurden die ASEAN-Staaten zum wichtigsten Handelspartner Chinas und überholten damit die USA und die EU. In diesem Zusammenhang ist auch die Ratifizierung des größten Freihandelsabkommens der Welt, der Regionalen umfassenden Wirtschaftspartnerschaft (Regional Comprehensive Economic Partnership, RCEP, 5) der ASEAN-Staaten, durch das chinesische Handelsministerium Anfang März 2021 wichtig. Durch das RCEP wird u. a. eine Steigerung des Handels zwischen den Mitgliedsstaaten und eine schnellere Erholung von der Pandemie, eine Zunahme an Investitionen und Dienstleistungen, eine höhere Rechtssicherheit und Schutz des intellektuellen Eigentums sowie eine Zunahme des E-Commerce erwartet. Im ersten Quartal 2022 nahm der Handel zwischen dem Land der Mitte und den ASEAN-Staaten um 6,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr auf 448,6 Milliarden US-Dollar (433 Milliarden Euro) zu. Nutznießer davon sind insbesondere der Maschinenbau und die Elektroindustrie, der E-Commerce und generell kleine und mittlere Unternehmen. (DR)

LOGISTIK express Ausgabe 5/2022

 

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