Alibaba statt Abrakadabra

Der Onlinehändler Alibaba ist ein Paradebeispiel für ein boomendes Geschäftsmodell. Es gibt fast nichts, was man nicht über die Plattform bestellen kann. Der bekannte Autor und Filmemacher Porter Erisman erlebte als Vice-President der Alibaba Group den Aufstieg des Unternehmens hautnah mit. Logistik express hat ihn zum Gespräch gebeten.

Redaktion: Angelika Gabor.

Herr Erisman, Sie sind am Beginn des sagenhaften Aufstiegs von Alibaba zum Unternehmen gekommen und 8 Jahre geblieben. Was haben Sie sich in Bezug auf Erfolg, Entwicklung und Geschäft während und nach Ihrer Zeit dort erwartet?

Ich bin bei dem Unternehmen im Jahr 2000 eingetreten, auf der Spitze des Internet Booms. Wie jeder zu der Zeit habe ich erwartet, Teil eines Unternehmens zu sein, das über Nacht erfolgreich ist und schnell an die Börse geht. Der Plan ging jedoch nicht auf, da die Blase nur einen Monat nach meinem Beitritt platzte und wir unsere Erwartungen neu kalibrieren mussten. Im Nachhinein war das Platzen der Internetblase das beste, das dem Unternehmen passieren konnte. Es hat uns zurück zu unseren Wurzeln in China gebracht und uns geholfen, uns auf die Schaffung eines langfristig nachhaltigen Geschäfts zu konzentrieren statt auf einen Erfolg über Nacht.

Mit viel Geduld und harter Arbeit wurde das Unternehmen größer, erfolgreicher, aber wesentlich langsamer, als ursprünglich erwartet. Nachdem ich Alibaba 2008 verlassen hatte, hatte ich hohe Erwartungen an das Unternehmen. Aber es hat sogar meine kühnsten Erwartungen übertroffen. Letzten September hatte ich die Gelegenheit, das Unternehmen zu besuchen und bei der Feier zum 20-jährigen Jubiläum in einem großen Stadion in Hangzhou dabeizusein. Alibaba ist mittlerweile auf über 100.000 Mitarbeiter angewachsen, und es passen nicht mal alle in dieses Stadion. Es ist ein gewaltiger Unterschied zu der Zeit, als ich damals dazukam, als die Firma gerade aus dem Apartment des Gründers Jack Ma ausgezogen ist.

Warum sind Sie gegangen? Würden Sie aus heutiger Sicht lieber noch bei Alibaba arbeiten, und warum?
Nach acht unglaublichen Jahren habe ich Alibaba verlassen, um mein Verlangen zu stillen, Bücher zu schreiben, Dokumentarfilme zu drehen und die Welt zu bereisen. Ich habe meine Zeit bei Alibaba geliebt. Aber die Zeit war reif, den Staffelstab an jemanden weiterzugeben, der mit voller Geschwindigkeit rennen konnte. Alibaba wäre auch heute noch ein großartiger Arbeitsplatz und von außen ist es schön zu sehen, dass die zweiten zehn Jahre der Alibaba-Geschichte genauso aufregend waren wie die ersten zehn Jahre.

Können Sie erklären, warum das Alibaba Konzept so extrem erfolgreich ist? Worin liegt der Unterschied zum Mitbewerb?
Alibaba war deshalb so erfolgreich, weil es nicht nur als Unternehmen Pionierarbeit geleistet hat. Man könne sagen, dass Alibaba die kommerzielle Infrastruktur Chinas innoviert und ausgebaut hat, um den Sprung von einem weitgehend verarmten Land in ein wohlhabendes Land zu schaffen. Jack Mas Genie hat verstanden, dass Alibaba nicht auf den Bau der kommerziellen Infrastruktur Chinas warten konnte. Statt dessen, musste er selbst vorangehen.

Glauben Sie, dass Alibaba eines Tages Amazon schlucken wird? Warum (nicht)?
Die beiden werden auf sich auf den internationalen Märkten immer mehr die Köpfe stoßen, aber ich denke, sie werden beide Könige ihrer jeweiligen Märkte bleiben. Alibabas Stärke liegt in China und den Schwellenländern. Schon jetzt konkurrieren die beiden Unternehmen in Märkten wie Indien und Lateinamerika. Aber ich glaube, dass beide in ihren eigenen Kernmärkten weiter wachsen werden.

Ein Grund, warum Alibaba in Europa noch nicht so bekannt ist, ist die Lieferzeit. Wird sich das ändern, und warum? Amazon eröffnet weltweit Geschäfte und Verteilzentren. Was denken Sie, wird Alibaba jemals auch Verteilzentren in Europa eröffnen?
Amazons Geschäftsmodell funktioniert wunderbar in entwickelten Märkten mit bereits vorhandener, effizienter Infrastruktur. Darum war es ein logischer Schritt für Amazon, in Märkte wie England, Deutschland und den Rest Westeuropas einzusteigen.

Was viele Menschen nicht realisieren, ist, dass viele der Produkte auf Alibabas B2B-Websites bezogen und dann bei Amazon in Europa im Einzelhandel verkauft werden. In dieser Hinsicht ergänzen sich die beiden Unternehmen sehr gut. Was in weiten Teilen Europas weitgehend unbemerkt bleibt, ist die Tatsache, dass Alibaba in Russland und anderen osteuropäischen Ländern sehr stark ist.

Tatsächlich sind die Verbraucher-Websites von Alibaba in Russland häufig die am meisten genutzten Shopping-Websites. Vor ein paar Jahren war ich in Estland, und der Leiter der Estnischen Post erzählte mir, dass sie beim Transport der Produkte aus China nach Russland mithelfen, weil der russische Postdienst das Paketvolumen, das von Alibabas Verkäufern nach Russland verschickt wurde, einfach nicht bewältigen konnte. Daher denke ich, dass Alibaba seine Logistik in Europa durch Partnerschaften und eigene Aktivitäten zunehmend ausbauen wird.

Eine ausgewogene Work-life-balance ist für das Wohlbefinden wichtig. Wir alle wissen, dass man die Arbeitsbedingungen in Österreich und China nicht vergleichen kann. Aber spielen ethische Kriterien irgendwie eine Rolle bei Alibabas Expansion nach Europa, da das 996-System hierzulande verpönt ist?

Als ich zu Alibaba gekommen bin, gab es im Zentralbüro einen Raum voller Etagenbetten, damit die Ingenieure rund um die Uhr arbeiten konnten. Sie haben das freiwillig aus Leidenschaft für ihr Start-up getan, und nicht aus Zwang. Aber wir haben realisiert, dass eine solche Arbeitsmoral am Ende zu Burnout führen würde, also sind wir die Etagenbetten losgeworden und haben eine regelmäßigere Arbeitswoche etabliert. Darum war ich wirklich überrascht, als ich im letzten Jahr las, wie Jack Ma für ein 996-Arbeitssystem wirbt. Ich musste solche Stunden niemals regelmäßig leisten. Es wurde von uns erwartet, Wochenendpläne fallen zu lassen, wenn etwas Wichtiges passierte, aber ich habe mich nie überarbeitet gefühlt.

Ich bin der Meinung, dass Jacks Kommentare großteils mißverstanden werden. Ich kenne ihn, und glaube daher, was er meint ist, wenn du Teil eines Start-ups bist, kannst du nicht zwischen Arbeit und Leben trennen, weil das Start-up als dein „Leben“ zählt und nicht als Arbeit.

Wenn du etwas mit Leidenschaft machst und das Gefühl hast, die Welt zu verändern, dann fühlt sich das nicht wie Arbeit an. Hier eine klare Trennung zwischen Arbeit und Leben zu machen setzt voraus, dass Arbeit ein Ort ist, an dem man auf die Uhr schlägt und zur Arbeit geht. Würde ich heute mit Jack darüber reden, würde ich argumentieren, dass ein reifes Unternehmen eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben ermöglichen muss. Ein Unternehmen darf nicht nur für 20jährige sein, die ihre Familienplanung aufschieben.

Ich bin jetzt Vater von zwei kleinen Kindern. Wäre ich noch bei Alibaba, könnte ich vermutlich kaum Zeit mit ihnen verbringen. Das war mit ein Grund, warum ich der Versuchung, zurückzukehren, widerstanden habe. Ein 996-Arbeitszeitplan berücksichtigt einfach keine Menschen, die sich um kranke Eltern kümmern oder Zeit mit ihren kleinen Kindern verbringen möchten. Ich bin für ein System, in dem Menschen während der Arbeit 110% geben können, aber flexibel Zeit für die Familie haben.

Wenn Ihnen die mächtige Business-Fee einen Wunsch erfüllen würde, egal was – was würden Sie sich wünschen?
Dass der Konsumboom in Schwellenländern so gesteuert werden kann, dass gleichzeitig Wachstum entsteht UND die Umwelt geschützt wird. Momentan zeigt das Pendel zu sehr in Richtung Wachstum und die Umwelt in Ländern wie China und Indien zahlt den Preis.

Wir danken für das Interview! (AG)

E-Magazin Archiv: LOGISTIK express Journal 1/2020  https://epaper.logistik-express.com/
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